Schule für Eltern?


Kolumne Bieler Tagblatt Albrecht Rychen Januar 2004



Die Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Eltern hat in den letzten Jahren zunehmend mehr Bedeutung verordnet bekommen. Es ist sogar eine Art „Demokratisierung“ der Schule in den Köpfen. Allgemein findet man das gut. Ist es das auch wirklich?

Eltern wollen das beste für ihre Kinder. Sie wollen, dass ihre Kinder möglichst nach ihren persönlichen Vorstellungen umfassend gefördert werden. Die Eltern haben aber nicht alle die gleichen Vorstellungen, was gut ist und was nicht, welche Werte und Tugenden wichtig sind und welche weniger. Wir leben in einer offenen und vielgestaltigen Gesellschaft, in welcher die individuellen Ansichten und Freiheiten grosses Gewicht haben. Das wiederum macht den Lehrkräften ihre Arbeit nicht gerade leicht. Und: Es gibt nicht wenige Kinder, welche mit zwei verschiedenen Werte-Kulturen konfrontiert sind, mit jenen der Eltern oder ihrer „privaten Umgebung“ einerseits und jener der Schule andererseits.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes wird die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schulen im Kanton Bern genauestens untersucht. Ein erstes Ergebnis scheint sich bereits abzuzeichnen: Die Zusammenarbeit zwischen den Eltern und den Schulen hat offenbar auf die Leistungen der Schüler einen weit geringeren Einfluss als allgemein vermutet oder angenommen wird. Mich persönlich überrascht dies nicht, im Gegenteil. Es ist für mich klar, dass die Eltern die Hauptverantwortung für die Erziehung der Kinder haben und nicht irgendwer. Die Schule soll und kann sich Erziehungsaufgaben nicht entziehen. Aber die Hauptaufgabe der Schule ist Lernen. Die Schule soll bei der Erziehung unterstützend wirken. Leider ist es aber so, dass es Eltern gibt, die ihre Aufgabe als Erzieher ganz einfach ungenügend wahrnehmen. Dies wiederum belastet die eigentliche Aufgabe der Schule. All dies ist vom Grad der Zusammenarbeit Schule-Eltern unabhängig.

Es versteht sich von selbst, dass zwischen Eltern und Lehrkräften ein möglichst gutes Verhältnis gepflegt werden muss. Gegenseitiges Informieren etwa ist sehr wichtig, auch persönliche Begegnungen und das gemeinsame Angehen von Problemen der Kinder. Dabei ist es notwendig, dass Eltern und Lehrkräfte im Interesse des Kindes am gleichen Strick ziehen. Aber Zusammenarbeit Schule-Eltern darf nicht einfach heissen, dass die Schule nun alle Probleme zu lösen hat. Zu oft müssen Lehrkräfte zu viel Energie in diese „Zusammenarbeit“ stecken, weil sie entweder mit Erziehungsdefiziten oder mit unangemessenen Einzelinteressen von Eltern zu kämpfen haben. Solche Probleme hat es schon immer gegeben, ja, aber heute mehr denn je; ganz einfach zu viele. Die Schule bekundet immer mehr Mühe ihre Hauptaufgabe, nämlich guten Unterricht, zu bewältigen.

Durch die oft gelobte stärkere „Demokratisierung“ der Schule erfährt diese möglicherweise eine breitere Abstützung bei den Eltern, aber gelernt haben dadurch die Schüler noch kein Quentchen mehr. Manchmal wäre weniger mehr. So macht es aus meiner Sicht keinen Sinn, dass die Eltern bei den Selektionsentscheiden so viel mitreden wollen und dürfen. Die Selektion ist eine Sache der Schule. Selektion ist zudem notwendig und sinnvoll, sowohl für die schulisch Schwächeren wie für die schulisch Stärkeren. Da hilft Mitsprache nicht immer weiter.

Manche Eltern sollten mehr zur Schule. Aber nicht zur Schule ihrer Kinder, um deren „Interessen“ zu verteidigen, nein ich meine sie sollten in die Elternschule. Der Stundenplan könnte lauten: Wie erziehe ich Kinder? Wie setze ich Kindern Grenzen und setze diese durch? Wie bringe ich meinen Kindern Anstand und Lebensregeln bei? Welche Werte will ich meinen Kindern mitgeben und vorleben? Uebrigens: Wer Auto fahren will, muss in die Fahrschule. Wer Kinder haben will, muss (gratis) in ...?

Albrecht Rychen, aNationalrat, Rektor Berufs- und Weiterbildungszentrum BWZ Lyss